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llamaracing auf Zeit – EZF Saaletal

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Vorgeschichte

Fast jeder Rennradfahrer kommt früher oder später an den Punkt wo er (oder sie) sich fragt, wie er (oder sie) denn im Vergleich zu anderen steht, wieviel die Beine hergeben, was das Training denn überhaupt so bringt. Aber nicht jeder traut sich, bei einem Jedermannrennen an den Start zu gehen (von Lizenzrennen ganz zu schweigen). Zu viel liest und hört man von gemeinen Stürzen, von Material- oder gar Knochenbruch (was schlimmer ist darf jeder für sich entscheiden). Was also tun? Ein Zeitfahren ist da etwas anderes: Jeder startet einzeln, Windschattenfahren ist sogar verboten, jeder ist für seine Fahrfehler selbst zuständig. Eine praktische Sache also für ängstliche Gemüter wie mich. (Anmerkung am Rande: Querfeldeinrennen sind etwas anderes, finde ich. Man fällt weicher und das Material ist robuster.)

Auf der Startrampe.

Auf der Startrampe.

Noch praktischer ist es, wenn so ein Zeitfahren gleich um die Ecke und quasi auf der Hausstrecke stattfindet. So wie das EZF im Saaletal, welches der velo e.V. nun schon im 10. Jahr veranstaltet. Die Strecke ist etwa 30 km lang und beinhaltet 110 hm. Es geht immer geradeaus bis zu einem Wendepunkt, auf dem Rückweg geht es einen Stich berghoch bis zu einem zweiten Wendepunkt, wieder runter und zurück ins Ziel. Einfache Sache, streckenmäßig.

Nach meiner bescheidenen Leistung bei der Rennsteigtrophy hatte ich mit Mario getönt, dass mir kurze Strecken mehr liegen und dass ich ihm beim Zeitfahren schon zeigen würde, wo der Bartel den Most holt. Da ich schlicht nicht so viel Zeit (am Stück) zur Verfügung hatte, trainierte ich nach einem richtigen Trainingsplan, der fast ausschließlich aus kurzen, hochintensiven Einheiten bestand. Mario hingegen blieb mehr oder weniger bei seinem Schema, längere Touren alleine oder mit der hoffisterei bei flottem Tempo zu fahren. Eine gute Gelegenheit zu sehen, was funktioniert und was nicht.

Es geht los!

Es geht los!

Und ab.

Und ab.

Tag X

Da wir uns zeitgleich angemeldet hatten, lagen unsere Startzeiten auch direkt hintereinander, Mario würde 30 Sekunden nach mir starten. Er wäre also der Jäger, ich der Gejagte. Zumindest anfangs.

freie Bahn.

freie Bahn.

Der Tag war schön, es war sonnig, die Temperaturen lagen in einem angenehm warmen Bereich. Die Außenbedingungen waren perfekt. Die internen Bedingungen waren eher durchwachsen. Meine Beine fühlten sich gut an, jedoch nicht so perfekt, wie ich mir das erhofft hatte. Ich hatte in den letzten 4 Wochen speziell Fähigkeiten trainiert, die ich im Zeitfahren brauchen würde. Mein Plan sah, vereinfacht ausgedrückt, folgendermaßen aus: Kopf runter und Vollgas. Also hatte ich genau das geübt. Möglichst lange in Unterlenkerposition zu fahren und möglichst große Gänge möglichst schnell zu drücken. Den Berg, der im letzten Drittel lauerte, hatte ich im Training ausgelassen…
Meine Motivation war hoch und meine Hoffnungen, ich könnte im internen llamaracing-duell obsiegen, auch. Bis zu Tag X minus 4. Mario hatte endlich sein neues Rad, an dem er schon seit 6 Monaten (gefühlt noch viel länger) schraubte, fertig bekommen. Sein ganz persönliches Traumrad. Ein Pasculli Bagnolo, ihm auf den Leib geschneidert und mit feinsten Laufrädern und Komponenten versehen, die eine nicht näher erwähnte italienische Firma zu bieten hat. An diesem Tag X minus 4 ging er damit auf Jungfernfahrt. Und pulverisierte alles, was ich bis dahin von ihm an Leistungen gesehen hatte. Und veretzte meinen Hoffnungen damit einen Tiefschlag.

Da ist er. Früher als gedacht. Viel früher.

Da ist er. Früher als gedacht. Viel früher.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es kam, wie es kommen musste. Mario brauchte etwa 10 km, um mir die 30 Sekunden abzunehmen, die ich vor ihm gestartet war. Als er dies erledigt hatte, drehte er richtig auf. Am Fienstedter Berg, der ja hoch und wieder runter befahren werden musste, kam mir auf halbem Wege ein blaues Trikot entgegen. Ich wollte es nicht glauben und überlegte kurz, einfach abzusteigen und aufzuhören, aber es war nicht Mario. Der kam kurze Zeit später und nahm mir allein am Berg, wie ich später feststellte, eine volle Minute ab.

Mario holte nicht nur normale Rennradfahrer ein...

Mario holte nicht nur normale Rennradfahrer ein…

Ich versuchte auf den letzten Kilometern zu retten, was zu retten war. Ich fuhr so, wie ich von Anfang an hätte fahren sollen, stets an der Kante zum Wadenkrampf. Ich konnte so sicherlich noch ein paar Sekunden rausholen, aber meinen Teamkollegen sah ich erst im Ziel wieder. Da stand er mit der Kamera in der Hand und atmete schon wieder relativ normal. Verdammt!

Insgesamt war ich etwa 3 Minuten langsamer als mein Teamkollege. Chapeau, Mario!

Fazit

Welche Erkenntnisse lassen sich daraus gewinnen?

Erstens: Trainingsumfang lässt sich nicht vollständig durch Trainingsintensität ersetzen. Vor allem dann nicht, wenn der Unterschied so gewaltig ist. Mario hatte bis zum Zeitpunkt des Rennens bereits über 4500 Rennrad-km in den Beinen. Ich dagegen etwa 1500. So intensiv hätte ich gar nicht trainieren können, dass ich das aufgeholt hätte. Bei allen Fortschritten, die die Trainingswissenschaft gemacht hat, gilt wohl bis zu einem bestimmten Punkt immer noch der Grundsatz: Fahren Sie möglichst viel. Lesson learned.

Zweitens: Es ist von Vorteil, wenn man sich und seinen Körper gut kennt und sich ein Rennen einteilen kann. Allerdings muss man das dann auch richtig machen. Wenn man, wie ich, zu konservativ herangeht und am Ende merkt, dass es unterwegs auch schneller hätte gehen können, nützt das nichts mehr. Also vielleicht auch einfach mal mutig drauflosballern und riskieren, zum Ende hin mit Krämpfen in den Beinen und Blut auf der Zunge in Ziel zu schleichen. Lesson learned.

Drittens: Mein Training hat, für mich persönlich gesehen, funktioniert. Sicher, ich habe es nicht geschafft, meinen Teamkollegen im internen Wettstreit zu schlagen, aber im Gegensatz zu meinem letzten Zeitfahren habe ich mir selbst fast 4 Minuten (!) abgenommen. Zudem habe ich mich enorm verbessert, fahre sowohl am Berg als auch in der Ebene eine ganze Ecke schneller als zu Jahresbeginn. Ich werde auf jeden Fall, schon aus Zeitgründen, an meinem HIT-System festhalten (welches hier noch in einem eigenen Artikel vorgestellt werden soll, falls es da Bedarf gibt). Weil ich dran glaube. Zudem beginnt sowieso bald die Querfeldeinsaison…

Viertens: Ein Zeitfahrrad ist bei einem Zeitfahren enorm hilfreich. Stellt euch vor, ihr seid am Anschlag unterwegs, die Hände am Unterlenker und den Blick aufs Vorderrad gerichtet. Da nähert sich von hinten ein lautes Bollern. Verwirrt horcht ihr auf. Ein paar Augenblicke später kommt ein Fahrer auf einem Zeitfahrrad vorbeigerauscht. Und zwar mit einem solchen Geschwindigkeitsüberschuss, dass aus „Ich bin gar nicht so schlecht unterwegs!“ sofort „Ich glaube ich stehe! Bewegt sich mein Rad überhaupt noch? Ist mein Tacho kaputt?“ wird. Wem das schon mal passiert ist, der weiß, was ich meine. Wie gesagt: Zeitfahrräder und Scheibenräder haben ihre Daseinsberechtigung. Definitiv.

Fünftens: Zeitfahren ist geil. Bis zum nächsten Jahr!

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  1. Pingback: destiny glimmer

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