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Learning by doing? – llama racing beim veloheld Cyclocross Cup

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Wie der treue Leser inzwischen wissen dürfte, bin ich seit letztem Herbst bekennender Querfeldein-Junkie. Und was gehört zum Querfeldeinfahren wie die Butter zum Brot? Richtig, der Wettkampf. Schließlich ist Cyclocross eine klassische Wettkampfsportart und kein Kaffeekränzchen. Außerdem gibt es keine bessere Möglichkeit herauszufinden, wo der Fitnesslevel steht, als sich direkt mit anderen zu messen.
Da es sich um meinen ersten Auftritt bei einem Querfeldeinrennen handelt, verbringe ich die letzten Tage vorher entsprechend mit einem gewissen Kribbeln im Bauch und hauptsächlich folgenden Gedanken im Kopf:

  • Ist das Rad startklar? Sitzen alle Schrauben? Welchen Reifendruck fahre ich? Die letzte Frage ist übrigens essentiell (lest mal einschlägige Artikel). Der Reifendruck an einem Querfeldeinrad bestimmt direkt über Wohl und Wehe, über Grip oder Rutschbahn. Ich entscheide mich für einen Druck von 2,2 bar vorn und hinten. Da ich die Mühe auf mich genommen habe, die Laufräder auf tubeless umzurüsten, ist mir wegen Snakebites nicht bange. Ich werde tatsächlich während des ganzen Rennens keinen einzigen Moment den Grip verlieren (bis auf das Sandloch, aber da hätte mir nur ein Fatbike geholfen).
  • Was ziehe ich an? Dies ist nicht nur eine Frage des Stils und der persönlichen Optik. So ein Querfeldeinrennen ist eine äußerst anstrengende Angelegenheit. Auf dem Rennrad hätte ich mich bei 3 Grad Außentemperatur ohne Zögern für eine lange Hose, ein langes Unterhemd, langes Trikot und mindestens eine Windjacke entschieden. Ich beschließe mutig zu sein. Ich wähle ein langes, aber sehr dünnes und darüber ein kurzes, winddichtes Unterhemd und ein langes Trikot. Dazu eine ¾-Bib mit reichlich Winter-Embrocation an den Beinen (genial!). Auch Handschuhe, Schuhe und Cap fahre ich, als hätte es mindestens 10 Grad Celsius. Ich werde während des Rennens keinen Moment der Kälte erleben. Dazu bleibt nämlich gar keine Zeit…

Der Morgen davor

Ich werde von dem zuverlässigsten Wecker geweckt, den es gibt: meinem Sohn. Schnell anziehen, Brötchen für das Familienfrühstück besorgen (ausnahmsweise mal mit dem Auto). Ich habe Zeit, wir sollen erst um 12:15 am Startpunkt sein. Die Aufregung hält sich in Grenzen. Bisher.
Nachdem ich das Rad ins Auto geladen habe, mache ich mich auf den Weg nach Dresden. Ich bin etwa in Höhe Flughafen Leipzig, als es mich aus heiterem Himmel trifft: Ich habe keine Sicherheitsnadeln dabei! In der Mail, die die Renninfos verriet, stand es extra fett: Sicherheitsnadeln zu befestigen der Startnummer am Laibchen (stand da so)…
Ich hasse es, wenn das passiert. Wieso ist unser Gedächtnis so gemein? Wenn es schon Dinge vergisst, dann doch bitte richtig. Der Schlag trifft einen doch sowieso, dann reicht es doch auch zum Ereigniszeitpunkt. Aber nein, man wird daran erinnert, wenn es zu spät ist, aber immer noch so früh, dass ausreichend Zeit zum Ärgern bleibt. Die Stimmung auf der restlichen Fahrt ist natürlich dahin. Was soll’s, rede ich mir ein. Ich werde doch bei über 50 Startern nicht der Einzige sein, der die blöden Sicherheitsnadeln vergessen hat?

Vor dem Start

Ich bin früh genug vor Ort, um mich in aller Ruhe umziehen zu können. Bevor ich die Bib überziehe, reibe ich die Unter- und Oberschenkel großzügig mit Embrocation ein. Bereits nach kurzer Zeit spüre ich die wohlige Wärme, die die Salbe verströmt. Es wird beinahe heiß, allerdings nicht nur an den, sondern auch zwischen den Beinen. Ich werde kurz nervös: Ist da vielleicht etwas von dem Zeug am Hosenpolster hängen geblieben? Wie war das mit der Warnung wegen empfindlichen Körperteilen? Ach was, dann wird es eben warm. Wird schon nicht so schlimm sein (es passiert auch nichts weiter).
Übrigens kann ich jedem nur empfehlen, Winter Embrocation einmal auszuprobieren. Ich kenne nur die von Rapha, aber genau diese Salbe hat, auf Schultern und Nacken aufgetragen, nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ich HHB überleben konnte. Genial.

Noch ist es leer im Zielbereich.

Als ich am Treffpunkt ankomme, sind die Jungs und Mädels gerade dabei, den Start-Ziel-Bereich aufzubauen und die Hindernisse zu montieren. Ein paar Fahrer sind auch schon da. Der Kurs ist bereits abgesteckt, was liegt also näher, als ein oder zwei Testrunden zu drehen?
Der Kurs beginnt mit ein paar Hürden, die ich beschließe, großzügig auszulassen. Zum Üben ist es jetzt sowieso zu spät und blamieren kann ich mich später auch noch. Ich habe ja insbesondere das Aufsteigen geübt, im heimischen Forst klappte das (in Schrittgeschwindigkeit) so leidlich. Was soll ich sagen…

Rechtsrum? Linksrum? Wie denn nun?

Verloren in der Spiral of doom.

Nach den Hürden geht es über einen schmalen Waldweg in einem schmalen Waldstück, wenn man drei Bäume neben- und viele Bäume hintereinander so nennen darf. Danach kurz über eine Wiese und dann in die Spiral of Doom. Das ist im Prinzip ein abgesteckter Pfad auf dem man in immer enger werdenden Kreisen (bzw. Rechtecken) bis in die Mitte und dann auf der anderen Seite wieder anders herum herausfährt. Klingt kompliziert? Ist es nicht, aber es ist eng. Wenn man allein fährt, mag das alles noch gehen, aber im Rennen verspricht dieses Konstrukt einigen Spaß und Drängeleien. Dazu kommt noch, dass die Spirale auf einer Wiese abgesteckt ist. Wie der Untergrund aussehen und sich anfühlen wird, wenn hier hunderte Laufräder drübergefahren sind, da bin ich gespannt.

Idyllisch geht es an der Elbe entlang.

Also raus aus der Spiral of Doom, ein Stück geradeaus, ein U-Turn, eine Rechtskurve, ein Stück bergab und zack! presche ich volles Rohr am malerischen Elbufer entlang. Der Weg ist holprig und schmal, ich muss mich konzentrieren, bemühe mich, den Lenker nicht zu fest zu packen und das Rad laufen zu lassen. Gerade habe ich das mehr oder weniger gut hingekriegt, bin ich am Ende des Uferweges angelangt. Was nun folgt, sind ein paar Meter weicher, tiefer Sand. Ich will wissen, ob der Sand tatsächlich so weich ist, wie er aussieht. Probeweise lege ich mich hinein, und um meiner Aktion einen professionellen Anstrich zu verpassen, lasse ich es wie einen Sturz aussehen… Nun ja, die Testrunde ist ja zum Testen da und ich weiß jetzt, dass man das Sandloch nicht durchfahren kann, sondern schieben bzw. rennen muss.

Das Sandloch des Todes.

Nach dem Sand folgt eine kleine Asphaltpassage, eine scharfe Rechtskurve, dann sind es nur noch ein paar Meter bis ins Ziel. Eine Runde im Testgang habe ich schon mal geschafft. Wie schlimm können die 15 Runden im Rennen also werden?

Start und Rennen

Entspannte Atmosphäre kurz vor dem Start.

Das Aufbauteam legt letzte Hand an.

Darf nicht fehlen! Klassiker.

Sie werden das Geilste werden, was ich mit einem Fahrrad je gefahren bin. Und das Anstrengendste. Tatsächlich kann man, wenn man 45 Minuten im roten Bereich fährt, nur noch bruchstückhaft denken:

„Gott sei dank, kein Sturz beim Start!“

„Ganz schönes Gedränge!“

„Wow, den kriege ich!“

„Wie kommt der so schnell an mir vorbei?“

„Verdammt, überrundet!“

„Wie können die durch diese Spirale fahren, ohne abzusteigen?“

„Scheiß aufsteigen! Wieso hab ich das nicht geübt?“ (Tatsächlich hat mich wohl jedes einzelne Mal, wenn ich nach einer Tragepassage aufsteigen musste, mindestens ein anderer Fahrer überholt.)

„Wie kann der so fit sein?“

„Scheiße, tut das weh!“

„Verdammt, schon wieder überrundet!“

„Was, noch eine Runde? Oh mann…“

„Absteigen! Ausruhen! Luft holen…“

Irgendwann, ziemlich weit hinten im Feld, kann ich dann doch nach dem letzten Zieldurchlauf anhalten, ausklinken und durchatmen (bzw. husten). Ich bin völlig fertig. Ich verstehe jetzt, warum die Leute sich das antun: Die letzten 45 Minuten zählen wohl zu den intensivsten, die ich seit langem erlebt habe.
Ich bleibe noch, um mir die Siegerehrung anzusehen. Das Podest ist aus leeren Bierkisten gebaut. Eine wacklige Angelegenheit, ich bin natürlich froh, dass ich da nicht hochsteigen muss. Anschließend werden noch verschiedene Dinge verlost, die die Sponsoren haben springen lassen. Auch da habe ich kein Glück. Ist auch nicht so schlimm. Für mich ist es dringend Zeit für eine heiße Badewanne und die Couch…

Podest-Test.

Wackelige Angelegenheit. Der Preis des Ruhmes.

Das Sponsoren-Carepaket wird verlost.

Der Tag danach – und ein Resümee

Montagmorgen: Ich fühle mich wie ein 80jähriger. Ich führe hier mal
eben die Muskeln und Körperteile auf, die nicht schmerzen:

Ich möchte mal wissen, wie das Leute machen, die jeden Sonntag Rennen fahren. Wahrscheinlich müssen die montags nicht arbeiten…
(Dienstagmorgen war aber alles wieder soweit schmerzfrei)
Ich hielt mich bisher schon für relativ fit. Betrachte ich die vergangenen Jahre, bin ich das auch (für meine Verhältnisse). Wieso bin ich dann so weit hinten gelandet? Sind die alle so viel fitter als ich?
Zum einen könnte da tatsächlich was dran sein. Ich bin nicht wirklich diszipliniert genug, um einen Trainingsplan konsequent umzusetzen, zumindest bisher nicht.
Zum anderen fehlt mir jegliche Erfahrung, was Querfeldeinrennen angeht. Mit dem CX-Rad 15 Runden über bucklige Wiesenwege zu rasen, ist tatsächlich ganz anders, als alles, was ich bisher erlebt habe. Zudem musste ich feststellen, dass die Fahrtechnik (insbesondere das Ab- und Aufsteigen ohne zu viel Fahrt zu verlieren) beim Querfeldeinfahren essentiell ist. Absteigen geht ja noch, aber aufs Rad steigen und von beinahe Null voll beschleunigen, das kostet nicht nur Zeit, sondern auch jede Menge Körner. Beinahe an jedem Hindernis (2 pro Runde, also 30 in Summe) preschte beim Wiederaufsteigen irgendwer an mir vorbei. Immerhin bleibt mir bis Mitte Januar Zeit, diese Defizite so weit wie möglich abzubauen. Auch wenn es dann mit Sicherheit trotzdem nicht fürs Podest reicht: 30 deprimierende Momente weniger sind schon ein wenig Mühe wert.
Ob ich es genossen habe? Es ist oben sicherlich schon durchgeklungen: Auf jeden Fall! Das erste Rennen des veloheld CCC, das ja auch mein erstes Rennen überhaupt war, war eine Wahnsinnserfahrung. Ich freue mich auf das nächste Rennen. Ich denke sogar schon drüber nach, wie ich der Familie verkaufe, nächstes Jahr die gesamte Bioracer Cross Challenge mitzufahren…

3 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Was für ein fantastischer Beitrag! Wow – du musst mehr Rennen fahren und mehr bloggen. UNBEDINGT! Aber das wirst du ja vielleicht auch, den es wird ja nicht das letzte CX Rennen gewesen sein 🙂 Ich denke das Technik extrem wichtig ist und das kann man zum Glück irgendwie üben.

    Ach ja, und wie hast du jetzt eigentlich die Startnummer fest bekommen? Die hatten doch bestimmt Sicherheitsnadeln da, oder?

    Antworten

    • Hi Markus,

      danke fürs Lob! Ich hab den Kopf voll mit Ideen, deshalb gibts ja den Blog hier 🙂 Es werden zwar nicht alles Rennberichte werden, denn es gibt ja leider noch ein Leben jenseits… Aber um Sport und Rad wird es sich schon drehen, irgendwie.

      Die Sicherheitsnadeln, klar! Die hatten welche da, ich glaube die Mehrheit der Leute hatten keine dabei 😉

      LG Lars

      Antworten

  2. Pingback: Nur zu Besuch – llama racing beim CX-Rennen in Dachau | llama racing

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