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llamaracing beim Amstel Gold Race 2015

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Vorgeschichte

Das Rennradjahr beginnt zwar nicht wirklich, aber eigentlich doch erst mit den Frühjahrsklassikern. Wer kennt sie nicht? Wer verfolgt nicht die spannenden Eintagesrennen, bei denen sich Helden hervortun? Bei einem Frühjahrsklassiker kann man sich nicht etappenlang im Feld verstecken und auf die Konkurrenten lauern. Ein Frühjahrsklassiker ist ideal, um zu zeigen, was die Engländer Panache nennen.

Praktischerweise haben die Veranstalter erkannt, dass viele Rennradfans selbst einmal erleben möchten, wie das ist, sich Anstiege hochzuquälen, die schon mehr als eine Legende hervorgebracht haben. Deshalb gibt es praktisch alle großen Eintagesrennen auch als Version für Jedermann. Am besten noch mit verschieden langen Strecken, damit auch die mit nicht ganz so viel Panache was davon haben.

Ein ganzes Wochenende voller Radsport ohne Ablenkungen.

Das Amstel Gold Race wird seit 1966 ausgetragen und ist daher für einen Klassiker relativ jung. Uns ist das egal, denn immerhin gehört es zu den Frühjahrsklassikern (wenn auch nicht zu den sogenannten Monumenten des Radsports), es gibt kein Kopfsteinpflaster und es soll schön sein in der Gegend. Außerdem findet die Jedermannversion einen Tag vor dem Profirennen statt, was uns Gelegenheit gibt, auch mal ein solches live zu erleben. Zusammengenommen ergibt das ein ganzes Wochenende voller Radsport ohne Ablenkungen. Und das hat man ja als durchschnittlicher Familienmensch auch nicht alle Tage.


Toerversie

Amstel Gold Race Tour 15

Sebastian, seines Zeichens Wahlhamburger, gibt uns den Tipp, in Kerkrade zu übernachten. Da ich keine Lust habe, mich durch holländische Websites von Hotels zu klicken, tatsächlich ist mir nach dem Anmeldeprocedere und dem Ärger mit der offiziellen Amstel-Website die Lust auf holländische Websites gründlich vergangen, folge ich seinem Ratschlag. Die Abtei Rolduc erweist sich als echtes Juwel. Es handelt sich um einen riesigen Komplex eines ehemaligen Klosters, tatsächlich um das größte erhaltene Kloster der Niederlande. Alles ist sehr gepflegt und man sieht es den Gebäuden absolut nicht an, dass sie bereits 1104 gestiftet wurden. Perfekt. Ich bedanke mich bei Sebastian für den Tipp, indem ich ihm mit Schnellspannern aushelfe…

Mario packt noch aus, ich treffe in der Zwischenzeit Sebastian im Hof.
„Hi Sebastian! Gut hergekommen? Schön, dich zu sehen!“
„Ja, super, bis auf die Geschichte mit den Schnellspannern. Wie sehen eure Pläne aus?“
„Naja, wir hatten gedacht, dass wir gleich nach Valkenburg fahren und die Startunterlagen abholen.“
„Mit den Rädern?“
„Ähm, nein. Wir wollten eigentlich mit dem Auto fahren.“
Sebastians Blick bringt eine Art Überraschung zum Ausdruck. „Ihr faulen Säcke! So weit ist das doch nicht. 10 km vielleicht. Ich wollte mit dem Rad fahren.“
Komisch gucken kann ich auch. „Der Typ an der Rezeption hat was davon gesagt, dass es mit dem Auto 30 Minuten dauert. Von daher…“
„Hmm. Könntet ihr mich vielleicht mitnehmen?“
„…“

Ich lade also Mario und Sebastian ins Auto und los geht’s in Richtung Valkenburg, dem Start- und Zielort des Amstel Gold Race. Auf unserer Suche nach einem Parkplatz, einer der Nachteile, wenn man mit dem Auto fährt, bezwingen wir zum ersten Mal den Cauberg. Wir parken oben und laufen zum Amstel Experience Center, dem Dreh- und Angelpunkt der Veranstaltung. Dort riecht es nach – Bier. Wir lassen alles ein wenig auf uns wirken, die vielen Menschen, die vielen Räder, die Atmosphäre, schauen ein paar Radklamotten an (Sponsor ist Pearl Izumi), holen unsere Unterlagen ab und bezwingen auf dem Rückweg den Cauberg zum zweiten Mal. Für mich wird es auch das letzte Mal gewesen sein, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Gegen 8 sind die meisten Leute schon weg.

Wir treffen uns halb 7 beim Frühstück. Eigentlich sah der Plan vor, halb 6 zu frühstücken, dann die Räder ins Auto zu laden und nach Valkenburg zu fahren, um dort so früh wie möglich am Start zu stehen. Sebastian überzeugt uns:

  • Es reicht, halb 7 zu frühstücken.
  • Wir könnten zum Start rollen und wären dort schon warm. Außerdem müssten wir nicht nach einem Parkplatz suchen.
  • Wir würden gegen 8 starten, da sind die meisten schon weg.

Da die Argumente durchweg vernünftig klingen, stimmen wir zu. Pläne sind schließlich dazu da, über den Haufen geworfen zu werden.

Kurz vor halb 8 sitzen wir dann auf unseren Rädern und rollen über leere Straßen (die ersten paar Meter) und dann über miese Radwege neben leeren Straßen in Richtung Startpunkt. Mario und ich versuchen, einfach auf der viel besseren Straße zu fahren, aber ein Auto samt Anhänger, das uns in einem Höllentempo mit etwa 50 cm Abstand überholt, belehrt uns schnell eines besseren. Die Holländer sind wohl mindestens so blöde Radwegnazis wie die Deutschen.

Sternchen raus – Luft raus

Kurz darauf vernehme ich ein merkwürdiges Geräusch aus Richtung meines Hinterrades. Es klingt wie ein Steinchen, das bei jeder Radumdrehung auf dem Asphalt klackert. Böses ahnend halte ich an. Tatsächlich, da hat sich ein Steinchen in den Mantel gebohrt. Steinchen raus – Luft raus. Ich hasse Schlauchwechsel unterwegs. Und wenn man Mario und Sebastian glauben mag, merkt man mir das auch deutlich an. Aber es nützt nichts, ich kann den Ersatzschlauch ja nicht ins Rad reinfluchen.

Irgendwann kommen wir schließlich in Valkenburg an. Den Start zu finden ist nicht schwer, bei der Unmenge an Rennradfahrern. Offensichtlich stimmt es, was ich gelesen habe, nämlich dass das Amstel Gold Race eine Pflichtveranstaltung für alle Holländer ist, die ein Rennrad besitzen. Sogar einige Fitnessbikes und das ein oder andere MTB sind zu sehen.

Am Startbogen, oder besser ein gutes Stück davor, zeigt sich, dass wohl noch andere die Idee hatten, etwas später zu starten, entsprechend gestalten sich die ersten Kilometer. Auf mein „Wenn sich das die komplette Strecke so hinzieht, werden wir nicht mal warm!“ ernte ich ein Lachen von meinen beiden Mitfahrern, in dem wohl unterschwellig ein wenig Verzweiflung mitschwingt. Egal – der Tag ist schön, der wolkenlose Himmel verspricht perfekte Temperaturen zum radfahren und schließlich sind wir unterwegs, das zählt. Spätestens am ersten Hügel überholen wir langsamere Radfahrer dutzendweise (Mario und Sebastian noch mehr als ich, typisch) und von da an ist fast immer genügend Platz, so schnell zu fahren wie man will.

Ich bin in für meine Verhältnisse sensationeller Form.

Leider sieht das mein rechtes Knie nicht so wie ich.

Nach etwa 60 km plagt mich ein Schmerz, der mir seit einiger Zeit immer mal wieder längere Touren zur Qual hat werden lassen. Dabei lief es bis dahin so gut! Zuerst versuche ich, den Schmerz zu ignorieren. Dann versuche ich ihn aktiv wegzudenken. Dann versuche ich, ihn zu akzeptieren und loszulassen. Dann schließlich beginne ich zu realisieren: Ich werde das hier heute nicht zuende fahren. Für mich gibt es nur eine Richtung: nach Kerkrade und runter vom Fahrrad.

Es dauert noch ein paar km, in denen sich der Schmerz stetig verschlimmert, bis ich einen Abzweig nutze, der mehr oder weniger auf dem kürzesten Weg in Richtung Unterkunft führt, und mich unauffällig aus der nicht enden wollenden Flut an Amstel-Gold-Race-Teilnehmern stehle. Die letzten 20 km des Tages bestehen aus Selbstmitleid und Schmerz. Es wird 3 Tage dauern, ehe ich wieder ohne zu humpeln laufen kann.

Als die Nachrichten kommen, dass erst Sebastian und dann auch Mario im Ziel sind, liege ich schon geduscht auf dem Bett und versuche, mein Bein möglichst wenig zu bewegen. Im Prinzip bin ich selbst schuld, und ich weiß das auch. Das ist das Allerschlimmste.

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Raceday

Amstel Gold Race Race 1

So einen Frühjahrsklassiker live zu erleben ist eine richtig feine Sache. Und ich kann mir keinen besseren Ort dafür denken als Valkenburg. Wir gehen durch die Stadt und saugen die Atmosphäre in uns auf. Entlang der Strecke findet eine riesige Party statt, die auch den ganzen Tag andauert, da die Profis den Cauberg nicht weniger als viermal bezwingen müssen, bevor ein Sieger feststeht.

Amstel Gold Race Peloton

Für mein lädiertes Knie ist dieser Tag, wir bezwingen den Cauberg immerhin zweimal zu Fuß, wahrscheinlich eher suboptimal, aber man kann eben nicht alles haben und Mario und Sebastian wollten mich partout nicht tragen. So gibt es am Ende des Tages einen Sieger (Michal Kwiatkowski), einen Verlierer (mein Knie) und drei Leute, die spontan beschließen, nächstes Jahr wieder herzukommen. Darauf ein Amstel.


Habt ihr Lust bekommen, selbst mal nach Valkenburg zu fahren? Wart ihr schon mal dort? Dann schreibt doch einen kurzen (oder langen) Kommentar, wir freuen uns. Oder hat euch der Artikel gefallen, ihr habt aber nichts hinzuzufügen? Dann teilt ihn mit der Welt, das geht schnell. Wir sagen Danke!

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  1. Hei,

    danke für die schönen Bilder und den schönen Bericht. Das mit dem Knie ist natürlich blöd, hoffentlich nichts langwieriges.
    Und nun ist meine Liste der Dinge, die ich noch ausprobieren möchte, wieder um einen Punkt länger geworden.
    Danke.

    🙂
    Niels

    Antworten

    • Hi Niels,

      gerne doch! Es sieht im Moment so aus, als sei das mit dem Knie nur Überlastung gewesen. Aber das muss sich noch zeigen. Man wird ja schließlich nicht jünger 😉 Dann sehen wir uns ja vielleicht im nächsten Jahr in Valkenburg!

      Viele Grüße Lars

      Antworten

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